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In Deutschland sind wir froh, wenn wir unsere Toten begraben können und sie endlich ihre „letzte Ruhe“ finden. Nicht so in Madagaskar. Hier werden die Verstorbenen in regelmäßigen Abständen exhumiert. Für uns eine gruselige Vorstellung, aber in der Kultur der Merina zum Beispiel, ist dies selbstverständlich. Die Toten gelten im Glauben der Madagassen als allgegenwärtig und nehmen großen Einfluss auf ihre Hinterbliebenen. Deshalb werden sie durch eine Famadihana (Umbettung) geehrt. Einem Verstorbenen steht mindestens alle 10 Jahre eine solche Umbettung zu. Jede Famadihana ist mit einem großen Fest verbunden, für das alle Verwandten aus nah und fern zusammenkommen. Die Toten werden aus den Familiengräbern geholt und in einer Prozession um die Gräber herumgetragen, anschließend finden die Gebeine einen Platz in der Mitte der Feiernden. Einige Stunden später werden die Toten gewaschen, in frische Totentücher gehüllt und wieder in ihr angestammtes Grab gebracht. Dort haben sie dann Ruhe – zumindest bis die nächste Famadihana ansteht.
In Deutschland wäre eine solche Zeremonie undenkbar und eine Straftat zugleich: Störung der Totenruhe. Selbst wenn die Friedhofverfassung einen Totentanz erlauben würde, ist in der christlichen, jüdischen und islamischen Religion die Totenruhe heilig. Wenn in Deutschland nach ca. 20 Jahren Ruhezeit die Gräber aufgelöst werden, um Platz für neue Leichname zu schaffen, wird jüdischen und muslimischen Verstorbenen eine Totenruhe in alle Ewigkeit garantiert. Der Friedhof ist im Empfinden vieler Leute, besonders nachts, extrem gruselig. Die eine oder andere Mutprobe in jungen Jahren bestand darin, nachts alleine einen Friedhof zu überqueren. Von daher erscheint uns der Totenkult auf Madagaskar wahrscheinlich nicht nur makaber, sondern vielleicht sogar irgendwie geschmacklos. Doch im Glauben der Merina wird den Toten durch die Umbettung ein besonders großer Respekt gezollt, welchen wir im Grunde unseren Verstorbenen auch entgegenbringen – nur eben durch die Totenruhe.





